Konferenzbeobachtung: Kreativ, pragmatisch und fröhlich – ein engagierter Blick auf Inklusion

Ein persönlicher Blick auf die Tagung der bagfa in Kooperation mit der Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V.  „Kreativ, pragmatisch und fröhlich: Ein engagierter Blick auf Inklusion“ am 23. Juni 2017 von Dr. Nicole D. Schmidt vom Paritätischen Hamburg. Sie ist Mitglied des Beirats im bagfa-Inklusionsprojekt.

Als zum Einstieg Ottmar Miles-Paul, der Koordinator der Kampagne für ein gutes Teilhabegesetz von Frau Dr. Angelika Magiros von der Bundesvereinigung Lebenshilfe gefragt wird, wie er zukünftig die staatlichen Rahmenbedingungen in Bezug auf freiwillig Engagierte mit Beeinträchtigung einschätzt, gibt dieser eine vorsichtig-skeptische Stellungnahme ab. Die Skepsis bezieht sich insbesondere auf das neu verabschiedete Bundesteilhabegesetz. Im Kontext der UN-Behindertenrechtskonvention ist es fraglos so, dass Personen mit einer Beeinträchtigung genau so leben dürfen, wie alle anderen auch. Problematisch ist hier der Kostenvorbehalt im Bundesteilhabegesetz. In den Verhandlungen dazu ist es nicht gelungen, diese Barriere zu beseitigen. Auch das „Poolen von Leistungen“ (Leistungserbringung für Gruppen) wird als eine Gefahr für die individuelle Selbstbestimmung gesehen: Im Geiste sieht man wieder Gruppen von beeinträchtigten Menschen, die mit einer Aktivität „zwangsbeglückt“ werden, die vielleicht nur einige von ihnen sich gewünscht haben. Derartige Beispiele sind dann eher Grundlagen für aktive Exklusion! Eine fragwürdige Leistungseinschränkung für Menschen mit Behinderungen droht zwar erst 2023, dann aber sind wohl Menschen „leistungsbefreit“, die nicht mindestens 3-5 Lebensbereiche mit Einschränkungen bzw. Behinderungen nachweisen können. Ist dies nicht ein direkter Widerspruch zum proklamierten Begriff der Teilhabe?

Bezogen auf das bürgerschaftliche Engagement von beeinträchtigten Personen weist bagfa-Projektleiter Henning Baden auf eine ebenfalls selbst widersprüchliche Überlegung im Bundesteilhabegesetz hin. Endlich sind Freiwillige mit einer Beeinträchtigung als bürgerschaftlich Engagierte im Blickpunkt der Aufmerksamkeit, aber in der Frage der notwendigen Assistenz im Engagement gibt es einen Rückfall: die notwendige Assistenz soll doch bitte möglichst von Angehörigen und Freunden geleistet werden! Damit sind beeinträchtigte Menschen wieder in der Rolle der Bittstellenden, denen offenbar eine wirkliche Gleichstellung mit unbeeinträchtigten Menschen im Feld bürgerschaftliches Engagement nicht zugebilligt wird. Ottmar Miles Paul ärgert sich: „Wer will schon immer Assistenz ohne Ende?!“ Das Kongresspublikum wird hier von ihm ermuntert, Anträge für eine Assistenz im bürgerschaftlichen Engagement zu stellen und gegebenenfalls auch zu klagen, denn rechtlich haltbar ist so eine Assistenzverweigerung sicher nicht!

Die Inklusiondimensionen I haben für das Publikum einen entlastenden Ratschlag: Man kann – hier im Sport – relativ viel machen, wenn man es eben „so barrierefrei wie möglich“ gestaltet. Und d.h., man muss nicht gleich alle Barrieren in jedem Bereich abgebaut haben, um überhaupt aktiv zu werden. Der zweite Ratschlag folgt auf den Fuß: Fragen wir doch einfach die beeinträchtigten Person selbst, wie es gehen kann, damit erkennen wir nicht nur deren Expertise an, sondern haben die besten Infos und Wissensgrundlagen! Gefordert wird von Katja Lüke (DOSB, Deutscher Oympischer Sportbund): „Assistenz muss es geben im bürgerschaftlichen Engagement genau wie bei der Arbeit!“

In der Kulturdimension erfahren wir von Matthias Huber (Dramaturg) und Maila Giesder-Pempelfort (Audiodeskription) wie echte, inklusive Arbeit im Theater funktionieren kann, wenn z.B. mindestens eine blinde Person bei der Audiodeskription der Theaterstücke mitarbeitet und sehbehinderte Freiwillige als Inklusionspaten die Vorbereitung des Kulturgenusses und seine Durchführung unterstützen. Das klingt spannend: „Auf ins Schauspiel Leipzig!“ habe sicher nicht nur ich gedacht, sondern dies schien mir die Stimmung auch bei den anderen Kongress-Kolleg/innen zu sein.

Nach der lebhaften interaktiven Mittagspause, in der man teilweise bei einigen Personen „anstehen“ musste, um sich in das Gespräch einfädeln zu können oder einen eigenen Punkt anzusprechen, waren die fünf parallelen Workshops einigermaßen ausgewogen besucht. Meinen Plan, in alle Workshops einmal reinzuhören, konnte ich nicht realisieren, blieb ich doch im Workshop „Viel mehr als „Hobby“! Engagementmöglichkeiten von Menschen mit Lernschwierigkeiten gestalten“  (Referentin: Britta-Marie Habenicht, Lebenshilfe Lüneburg-Harburg) hängen.

Deutlich wurde, dass das Thema bürgerschaftliches/freiwilliges Engagement in der Eingliederungshilfe noch nicht durchgehend angekommen ist. Noch ist nicht überall verstanden, dass Menschen mit Behinderungen/Beeinträchtigungen „das auch können“. Auch die behinderten Menschen selbst brauchen noch ein Verständnis davon, dass sie aktiv werden können und auch selbst ein Engagement bewältigen, wenn die Bedingungen stimmen. Und auf der Ebene der Gesellschaft ist es immer noch wichtig, die aktive Rolle beeinträchtigter Personen im Sozialraum sichtbarer zu machen.

Als ungünstiger Umstand für die Durchsetzung des freiwilligen Engagements für Menschen mit Lernschwierigkeiten wurde die Organisation der Dienste in der Eingliederungshilfe benannt. Wir brauchen – ausgehend von der jetzigen Rechtslage – eine Anerkennung dieses Lebensfeldes bzw. dieser Aktivität als gewählte Teilhabeform, entsprechend müssen Engagementbegleitung und persönliche Förderung im Teilhabeplan mit Zielen und hinterlegten Zeiten auftauchen und in der Bewilligung sich konsequenterweise niederschlagen. Auch die Haltungsfrage der mitarbeitenden Kolleg/innen, aber auch der Gesellschaft, die gern von „perfekten Freiwilligen, die alles allein können“ ausgeht, sollte für die weitere Arbeit im Blickfeld bleiben – hier haben wir ein Leistungsideal, das Personen ausschließt.

Schon jetzt zeigt sich bei engagierten Personen mit Lernschwierigkeiten ein Problem, das in der Aufgabenüberlastung von Mitarbeiter/innen seinen Grund hat. „Wenn eine schon Fachbereichsleitung ist, auch noch die Aufgabe der Sicherheitsbeauftragten übernommen hat und das Feld Unterstützung im bürgerschaftlichen Engagement, wie viel bleibt denn real für das Ehrenamt der einzelnen Klient/innen übrig?“ fragt Britta Habenicht kritisch in die Runde.

Für viele Menschen mit Lernschwierigkeiten kann ein Gruppen-Engagement (z.B. Helfergruppe bei Special Olympics) oder ein Tagesengagement ein guter Einstieg sein – auch bezogen auf zeitliche Engpässe im Assistenzbereich. Fazit: Assistenzen in Einzel-Engagements sind wirklich zeitaufwendig, auch wegen der vielen Gespräche, die zur Anbahnung, Klärung und Sicherung des Engagements zu führen sind. Britta Habenicht wies allerdings darauf hin, als dann im Workshop die Frage der Freistellung hierfür diskutiert wurde, dass sie selbst ihr Engagement ja auch in dem Bereich der Freizeitaktivitäten eingliedert.

Hier sehe ich eine Herausforderung für die ganze Engagement-Landschaft, also alle, die diesen Bereich qualitativ weiterentwickeln und wirklich trisektoral aufstellen wollen: Wenn man versucht, im Bereich der Wirtschaft für Freistellungstage für Engagement zu werben und mehr Wirtschaftsunternehmen als Corporate Citizens an ihre gesellschaftsgestalterische Aufgabe erinnert , dann ist nicht einzusehen, warum die Arbeitsfelder beeinträchtigter Freiwilliger hiervon ausgenommen sein sollen. So könnten eben auch Werkstätten ebenfalls ihr Corporate-Citizen-Engagement zeigen und mit Freistellungstagen spielt man hier noch nicht auf „Liga-Niveau“. Persönlich sehe ich ein bürgerschaftliches Engagement als Mitgestaltung unserer demokratischen Gesellschaft – eben auch nicht komplett im Freizeitbereich angesiedelt. Aber darüber lässt sich trefflich streiten.

Sehr aufmerksam waren dann alle, als sich Freiwillige mit ihrem Engagement vorstellten; hier wurde aber auch deutlich, wie viel Engagement-Begleitung teilweise nötig ist – und das ist hier wörtlich zu nehmen: die Freiwilligen engagieren sich im Tandem oder mit einem professionellen Backgrounddienst. Wichtig aber ist für den Erfolg insgesamt: Freiwillige in den Mittelpunkt stellen und von ihnen aus denken und nicht von dem Bedarf der Organisation her – dann kann es gut klappen! Interessen und Motivation sind bei vielen Menschen mit Lernschwierigkeiten vorhanden, stimmen die Bedingungen, kann hier Erfolgsgeschichte geschrieben werden – für alle!

Die Abschluss-Diskussion im Workshop wurde durch ein Statement eines Kollegen getoppt, der sagte: „Ehrenamt ist politisch und was nicht politisch ist, läuft sich irgendwann tot“. Dem kann ich nur zustimmen, hier geht es um den Kampf um gleiche Rechte für Menschen mit Behinderungen und dies ist eine (menschenrechts-)politische Angelegenheit!

Inklusionsdimensionen II: taz mit Behinderung und nicht etwa wie als Abschreckung gezeigt wurde „Lebensfreude trotz Handicap“. Wie viel Diskriminierung seitens der Medien in Wort und Bild noch herrschender Alltag ist, dieser Programmpunkt war wie ein Adrenalinstoß für die Kongressteilnehmenden. Hier wurde es sofort sehr politisch und die No-Go´s wurden klar benannt. Den Kongressteilnehmenden wurde die immer noch nicht überwundene Abwertungsstrategie oder der (unbewusste?) Umgang mit abwertenden, beleidigenden Kommunikationsmitteln klar und drastisch von Judyta Smykowski (Sozialhelden e.V.) vorgeführt oder für viele (nochmals) in Erinnerung gerufen.

Prof. Dr. Andreas Hinz vertrat mit dem Thema „Inklusion findet statt – auch in der Nachbarschaft: bürgerzentrierte Zukunftsplanung mit Unterstützerkreisen“ in seinem Beitrag nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die im Gemeinwesen aktive Zivilgesellschaft. Zur Verblüffung vieler Teilnehmenden sagte er anfangs „bürgerzentriert“ sei ja auch schon diskriminierend, weil nicht jede/r Bürger/in sei. Wichtig sei in diesem Zusammenhang, dass man vor allem aufhören solle, die Bedarfsplanungen oder die Teilhabe-Themen immer nur auf Individuen zu beziehen, es könnten auch Gruppen oder Gemeinden gewissermaßen „Subjekte“ der Zukunftsplanung sein. Und wenn man sich nun von der Personenzentrierung zur Bürgerzentrierung bewegt, dann solle man alle Bürger/innen im Blick haben und hier führte er einen neuen Begriff ein: wir brauchen „Vielfaltfinder“  – gemeint sind hier Personen, die für Vielfalt und damit auch Vielfalt in ihrer Expertise stehen. Sind solche Menschen an entscheidenden Schlüsselpositionen kommunikativ und planerisch tätig, kann dies ein Katalysator für ein gesamtes Gemeinwesen in Richtung Öffnung für alle sein. Hierbei geht es in der Entwicklung von inklusionfesten Gemeinschaften/Gemeinden/Sozialräumen um die Anerkennung und kreative Mit-Nutzung der verschiedenen Expertisen – auch der Expertisen in eigener Sache, ob es nun Expert/innen aus dem Bereich unterschiedlicher migrantischer Communities, mit Fluchtgeschichte, mit Beeinträchtigung, mit Armutserfahrung oder einer anderen spezifischen gesellschaftlichen Erfahrung sind. Insgesamt geht es um Empowerment von Personen, von Gruppen und von demokratischen Gemeinwesen insgesamt.

Verena Bentele als Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen kündigte Dr. Jürgen Rembold, den Stifter des Inklusionspreises „Anstiften zur Teilhabe“ an. Sie betonte in ihrer Laudatio ihre besondere Unterstützung für ein Inklusives Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ). Freiwilligendienst-Leister/innen mit einer Beeinträchtigung, die Assistenz benötigen, sollen endlich zu ihrem Recht kommen, um ihr FSJ auch tatsächlich ausüben zu können.

Dr. Jürgen Rembold sprach direkt und aus dem Herzen über seine Begegnungen mit dem Thema Behinderung und Inklusion und behauptete, er habe ja nur das Geld gegeben, die Arbeit und Mühe hätten bei der bagfa und der Auswahljury gelegen.

Drei Preisträger des Inklusionspreises 2017 freuten sich sehr über die Auszeichnung und damit die Anerkennung ihrer kreativen Ideen, die dazu beitragen sollen, dass die Freiwilligenagenturen im Bundesgebiet inklusiv werden. So kann es dann endlich gelingen, was die Vertreterin der Freiwilligenagentur Halle/ Saalekreis e.V. bemerkte: „Es wird zunehmend normaler, dass interessierte Menschen mit einer Beeinträchtigung zu uns in die Freiwilligenagentur kommen!“

 

Wenn Sie Intersse an der Tagungszusammenfassung (Vorträge, Materilaien der Workshops etc.) haben, senden Sie bitte eine Mail an

Fotos: Marlene Gawrisch, ausblenden.de