Sollte, hätte, könnte würde – machen! Auftaktveranstaltung zum bagfa-Inklusionsprojekt

Das Logo des bagfa-InklusionsprojektesNeugier auf einen Perspektivwechsel und Lust auf Verschiedenheit zeigten die rund 90 Teilnehmenden der Auftaktveranstaltung zum bagfa-Inklusionsprojekt „Sensibilisieren, Qualifizieren und Begleiten – Freiwilligenagenturen als inklusive Anlauf- und Netzwerkstellen für Engagement weiterentwickeln“ am 12. Juni 2015 in Hannover.
bagfa-Vorsitzende Birgit Bursee eröffnete die Veranstaltung und ermutigte die Freiwilligenagenturen dazu, die zahlreichen Angebote im Inklusionsprojekt wahrzunehmen und mitzugestalten. Es gäbe viele gute Ideen in Freiwilligenagenturen, sich auf den Weg zu machen und inklusive Ansätze auszuprobieren, die durch das bagfa-Projekt nun noch bekannter gemacht würden.

Projektleiter Henning Baden ergänzte: „Wir wollen mit unserem Projekt dazu beitragen, dass Freiwilligenagenturen Orte werden, wo die Frage, ob sie inklusiv sind oder nicht, gar nicht mehr verstanden wird: Weil es selbstverständlich ist, dass Menschen mit und ohne Behinderung sich engagieren“.
Jeder solle die Möglichkeiten haben, sich in die Gesellschaft mit seinen Fähigkeiten einzubringen,  seinen Eigensinn einzubringen, seine Zeit frei einzuteilen, zu entscheiden, ob man sich geistig, körperlich, beratend, zuhörend oder organisierend, im Vorder- oder im Hintergrund einbringen möchte: Das freiwillige Engagement biete Gelegenheiten, neue Rollen auszuprobieren uund Vorfestlegungen aufzulösen. Wenn von Anfang an Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam planen würden und alle bereit seien, „gewohnte Bilder“ über Bord zu werfen gelinge der Abbau von Teilhabebarrieren.
In ihrem Eröffnungsvortrag zeigte Laura Gehlhaar vom Sozialhelden e.V. welche Teilhabebarrieren überhaupt für Menschen mit Behinderungen vorhanden sind und gab praktische Tipps zu deren Abbau. Der Bloggerin ging es in ihrem Vortrag auch darum, um eine moderne Bildsprache zu werben, die Menschen mit Behinderungen nicht auf die Rolle der Hilfeempfangenden festschreibe sondern vielmehr Bilder auch als Vorbilder für inklusives Miteinander nutze.
Gespräche am InfostandFrau Prof. Dr. Martina Wegner von der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München, die mit der Evaluation des bagfa-Projekts betraut ist, stellte die Ergebnisse der bagfa-Umfrage unter Freiwilligenagenturen zu Inklusion und Engagement vor, die auch in eine Studie einfließen werden, die Ende des Jahres 2015 erscheint. Die Umfrage zeigt ein sehr heterogenes Bild der Freiwilligenagenturen, was die Erfahrung mit Inklusionsprozessen betrifft – dies müsse die bagfa in ihren Angeboten im Inklusionsprojekt berücksichtigen. Besonders der Gedanke des Projekttransfers treibe die Agenturen um, so Martina Wegner. Die Rollen, die Freiwilligenagenturen im Inklusionsprozess übernehmen könnten, beschrieb sie unter anderen in der „Bebilderung“ der Inklusion durch konkrete inklusive Projekte und Arbeitsweisen, in der Vernetzung von Kompetenzen und Akteuren und in der Unterstützung einer breiten Vertretung der Interessen von Menschen mit Behinderung vor Ort. Agenturen könnten so „kluge Umsetzer und Unterstützer von Inklusion“ werden.
Im Rahmen einer interaktiven Mittagspause wurden im Foyer Projekte der Freiwilligenagentur Jugend, Soziales, Sport e.V., der Freiwilligenagentur Wilhelmshaven, der Freiwilligenagentur Halle-Saalkreis e.V., der Freiwilligenagentur Magdeburg e.V. und der Neuen Schmiede, Diakonie Bethel vorgestellt. Bei aller spannenden Unterschiedlichkeit der Ideen zu Mehr Teilgabe hatten sie eins gemeinsam: Menschen mit Behinderung sind in der aktiven Rolle, geben gleichberechtigt den Ton an und zeigen, was alles geht, wenn man es einfach mal macht.
Der Freiwilligenagentur Jugend, Soziales, Sport e.V. aus Wolfenbüttel verdankte die Auftaktveranstaltung eine kleine Überraschung: Der inklusive „Wir-Song“ wurde live aufgeführt und der Funke sprang schnell auf alle Teilnehmenden über, die begeistert die zum Song gehörenden Bewegungen mitmachten.
Um der berühmten „Mittagsmüdigkeit“ entgegenzuwirken, war Poety-Slammerin und Autorin Ninia la Grande zu Gast, die Texte aus ihrem Buch „…und ganz, ganz viele Doofe!“ vortrug. Ninia la Grande nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um dumme Vorurteile, Barrieren und unnötiges Mitleid geht.
Genau wie die dargestellten Projekte auf dem Marktplatz verband auch die vier Themeninseln am Nachmittag der Gedanke des „praktischen Möglichmachens“ und der offenen Kommunikation ohne falsche Scham. Unter dem Titel „Sie sind blind? Kein Problem – wir haben Rampen“ erfuhren die Teilnehmenden von Christian Judith (k Produktion), was Barrierefreiheit für die Beratung und bei Veranstaltungen konkret bedeuten kann. Seine Kollegin Anja Teufel widmete sich in ihrer Themeninsel besonders den Barrieren, denen Menschen mit Lernschwierigkeiten in der Freiwilligenagentur begegnen können.
Auf dem Marktplatz werden Inklusionsprojekte vorgestelltUm praktische Projekte zu mehr Teilgabe ging es bei Erika Schmidt. Die Vorsitzende der Lebenshilfe-Möglichkeitsdenker nutzte ihre Themeninsel, um unter anderem aus dem Alltag des „Netphener Tisches“ zu berichten, einem Tafelprojekt von Menschen mit Lernschwierigkeiten in Nordrhein-Westfalen.
Hannes Jähnert entführte die Teilnehmenden seiner Themeninsel in einen ganz anderen Bereich der Barrierefreiheit: der Barrierefreiheit im Internet. Das Engagement über das Netz als barrierefreien / -armen Weg vorzustellen und zu diskutieren, wie Freiwilligenagenturen Online-Volunteering als einen Weg zu inklusivem Engagement nutzen können, war Anliegen des Engagementbloggers.
In zwei abschließenden Diskussionsrunden ging es dann noch einmal um die Rolle von Freiwilligenagenturen im Inklusionsprozess. Auf dem ersten Podium kamen Vertreterinnen und Vertreter von Freiwilligenagenturen zu Wort, die ihre Ansätze und Projekte auch in der interaktiven Mittagspause an Ständen dargestellt hatten.
Dr. Angelika Magiros von der Bundesvereinigung der Lebenshilfe moderierte die abschließende Podiumsdiskussion zur „Außensicht“ auf die Herausforderungen der nächsten Jahre. Dabei ging es  Laura Gelhaar, Hannes Jähnert und Sandra Vokovic, Leiterin Kampagnen bei der Aktion Mensch, unter anderem um die Fragen, wie das Thema des Engagements von Menschen mit Behinderungen sich stärker gegen die die Debatte beherrschenden Themen Schule, Arbeit und Wohnen behaupten könne. Auch wurde kritisch debattiert, was und wen es braucht, um Inklusion nicht zu einer „Worthülse“ verkommen zu lassen sondern als zentrales gesellschaftliches Thema immer wieder zu beleben.

Fotos: Bernd Mummenthey