Viele Pünktchen – eine Geschichte: Die Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V. setzt mit dem Dr. Jürgen-Rembold-Inklusionspreis 2017 inklusive Vorleseaktionen um

Mit Kindern über das Vorlesen zum Thema Behinderung ins Gespräch kommen – Für diese Idee erhielt die Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V. im Juni 2017 unter dem Motto „Anstiften zur Teilhabe!“ als eine von insgesamt drei Preisträgerinnen den „Dr-Jürgen-Rembold-Inklusionspreis” – und damit 1000 Euro, um ihr Gestalt zu geben. Lesen Sie in dem folgenden Bericht von Nadine Wettstein, wie aus der Idee konkrete Aktionen wurden:

Als die Freiwilligen-Agentur den Preis im Rahmen des Zwischenkongresses zur Halbzeit im bagfa-Inklusionsprojekt „Sensibilisieren, qualifizieren und begleiten. Freiwilligenagenutren als inklusive Anlauf- und Netzwerkstellen für bürgerschaftliches Engagement weiterentwickeln“ feierlich in Berlin überreicht bekommen hat, war es erst eine Idee: Mit Kindern über das Vorlesen zum Thema Behinderung ins Gespräch kommen. In der zweiten Jahreshälfte haben wir dann mit Ehrenamtlichen, die eine Behinderung haben, Pläne geschmiedet und Ideen entwickelt, wie und wo inklusive Vorleseaktionen gestaltet werden können. Sehr hilfreich war ein Workshop mit Godela Hein, die seit vielen Jahren selbst Vorleserin in unserem Projekt Lesewelt Halle ist, die Vorlesepaten betreut und mit Tipps und vielen praktischen Erfahrungen so richtig Lust auf diese Aktionen gemacht hat.

Dann ging es los: Annett Melzer, die selbst einen Rollstuhl nutzt, hat in einem Kindergarten vorgelesen, unterstützt von einer Bewohnerin einer Behinderteneinrichtung und will demnächst mit den Kindern ganz praktisch ausprobieren, wie es ist, sich im Rollstuhl fortzubewegen. Sie sagt: “Ich würde auch anderen eine solche inklusive Vorleseaktion empfehlen, weil die Kinder so offen und ehrlich sind, ohne Vorurteile und Ängste. Es macht super viel Freude mit Kindern zu arbeiten zum Thema Inklusion. Es kommt viel Herzlichkeit zurück.”

Steffi Merl hat Kindergartenkindern in Gebärdensprache “Rotkäppchen” vorgelesen – natürlich mit Hilfe einer Gebärdensprachdolmetscherin. Die Kinder haben nicht schlecht gestaunt, dass man sich auch ganz ohne gesprochene Worte verständigen kann und selbst gleich ein paar Gebärden ausprobiert.

Als Dritte fieberte Nadine Wettstein ihrer Aktion entgegen, die inzwischen schon mehrfach wiederholt wurde. Nadine ist seit ihrem 18. Lebensjahr blind und hat die Geschichte vom “Löwen, der nicht schreiben konnte” mit vielen Mitmachmöglichkeiten für die Kinder in Brailleschrift vorgelesen. Sie hat über ihre Aktionen einen kleinen Bericht geschrieben, bei dem man richtig eintauchen kann:

Viele Pünktchen – eine Geschichte

Eine Frau sitz an einem Tisch, vor ihr ein offenes Buch. Kinder stehen um sie herum. Alle gucken gemeinsam in das BuchEine Gruppe Kinder und Erwachsene sitzt zusammen draußen neben einem Haus. Im Hintergrund ist eine Blumenwiese. In der Mitte des Bildes ist eine Frau in einem Rollstuhl, die ein Buch in der Hand hat. Ein junge streckt seine Hand über einem Tisch aus. In seiner Handfläche liegt ein blauer Smarties. Eine andere Hand hält ein Smartphone über die Hand des Jungen.

 

 

 

 

 

 

 

“A wie Anfang … sagt die Löwin zum Löwen und der Löwe schreibt ein großes dickes A in sein Schreibheft.” So endet die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte und die Geschichte der Inklusionsbotschafterin Nadine Wettstein, die anders schreibt und liest als die Schüler, die vor ihr sitzen, beginnt.

Seit diesem Jahr ist Nadine Wettstein als Vorlesepatin der Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V. unterwegs. Drei Grundschulklassen haben schon gespannt gelauscht, während sie aus dem Buch mit Brailleschrift vorlas. Wenn Nadine Wettstein in die Klassen kommt, sollen die Schüler aber nicht nur stillsitzen und zuhören, sondern sie sind aufgefordert, aktiv mitzumachen und zu erfahren, wie blinde Menschen lesen, lernen, leben.

So ertasten alle mit Begeisterung die wunderschön gestalteten taktilen Abbildungen im Buch und brüllen mit ihr wie der Löwe. Die Geräusche bzw. die verbale Kommunikation ist wichtig, denn Nadine Wettstein ist blind. Deshalb müssen sie sich auch nicht melden, wenn sie Fragen haben, und sie haben Fragen: Wie funktioniert die Brailleschrift, woher wissen blinde Menschen, welche Farbe ihre Kleidung hat, wie findet man den richtigen Weg und noch vieles mehr; und eine Frage kommt mit Sicherheit auch immer: Dürfen wir Lisa, den Blindenführhund streicheln? Ja, sie dürfen Lisa streicheln, aber nicht, bevor sie erfahren haben, was so ein Blindenführhund alles kann und welche Konzentration er dafür aufbringen muss, weshalb man einen Blindenführhund bei der Arbeit auch nicht ablenken darf. Wenn Nadine Wettstein mit Lisa dann anschließend über den Schulhof läuft, hört sie “Das ist Lisa, nicht streicheln. Sie muss sich konzentrieren.”

Der Bericht von Nadine Wettstein wurde zusammen mit Bildern von den inklusiven Vorleseaktionen am 3. April 2018 auf der Webseite der Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis e.V. veröffentlicht.