Funambulus® – Freiwilliges Engagement von psychisch beeinträchtigen Menschen



In den Jahren 2004/2005 stellte das Freiwilligen Zentrum Mönchengladbach (FWZ) fest, dass immer mehr Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen gerne eine ehrenamtliche Aufgabe übernehmen würden. Auf Seiten der Kooperationspartner gab es bis dahin jedoch wenig Erfahrungen mit dieser Zielgruppe. So wurde unter dem Namen Funambulus® – lateinisch für „Seiltänzer“ – das Projekt „Freiwilliges Engagement von Menschen mit psychischer Beeinträchtigung“ initiiert. In den Jahren 2005 bis 2007 wurde das Projekt von der Caritasstiftung Mönchengladbach und im Anschluss zeitweise von der Barmer GEK finanziell gefördert. Heute werden Menschen mit einer psychischen Erkrankung nicht mehr im Rahmen eines Projektes, sondern im Rahmen einer diversity-gerechten Beratung im FWZ beraten und vermittelt.

Projekt Funambulus® des mitMenschpreis 2010

Projektablauf und Höhepunkte

Im Rahmen der Beratungstätigkeit des FWZ wird deutlich, dass Sinnfüllung und Sinnhaftigkeit des Lebens in Deutschland vor allem über (Erwerbs-)Arbeit und Erfolgserlebnisse geschieht. Über Arbeit werden elementare Grundbedürfnisse des Menschen, das Streben nach Anerkennung und sozialen Kontakten befriedigt. Das Wegfallen von Arbeit bedeutet deshalb auch für viele Menschen ein Weniger an Sinnhaftigkeit in ihrem Leben. Das heißt im Umkehrschluss, dass die Aufnahme eines freiwilligen Engagements, damit einhergehende Erfolgserlebnisse, Tagesstrukturierung etc. und die Ermutigung dazu eine enorme psychosoziale Bedeutung gewinnen.
Das Projekt Funambulus® hatte drei Eckpunkte:

  • Die Zusammenarbeit mit der psychiatrischen Fachwelt
  • Vorbereitung der potenziellen Einsatzstellen sowie
  • die ressourcenorientierte Beratung der Zielgruppe.

Das Projekt stand nicht in Konkurrenz zu bestehenden Angeboten für Menschen mit einer psychischen Erkrankung, sondern stellte für die betroffenen Menschen eine lebensweltlich orientierte Brücke dar.
In der Anfangsphase des Projekts wurde das Hauptaugenmerk auf die Sensibilisierung und Gewinnung von Organisationen gelegt. Ziel war, dass diese auch psychisch beeinträchtigte Freiwillige in ihre Tätigkeitsfelder einbeziehen. Viele Organisationen hatten bereits selber Anfragen von Menschen mit psychischer Erkrankung nach einer Engagementmöglichkeit erhalten. Das Projekt bot somit basierend auf einem konkreten Bedarf die Chance der Netzwerk- und Kompetenzerweiterung nicht nur für das FWZ, sondern auch für die angeschlossenen Einrichtungen.
Eine Vernetzung des FWZ mit psychiatrischen Einrichtungen und Berufsfeldern war für das Gelingen des Projektes und die Kompetenzerweiterung unerlässlich. Sehr hilfreich war die Teilnahme des FWZ am „Arbeitskreis Beschäftigung“ des Runden Tisches der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft der Stadt Mönchengladbach. Über diesen Arbeitskreis und durch persönliche Besuche entstand ein intensiver Kontakt zu vielen Facheinrichtungen wie zum Sozial-psychiatrischen Zentrum, Tages- und Landeskliniken, Integrationsfachdienst, Reha-Einrichtungen etc. Die Kontakte dienten nicht nur der Information über das Projekt, sondern es wurde dem FWZ auch Unterstützung bei fachlichen Fragen zugesagt.
Für Organisationen, die bereit waren, mit der Zielgruppe zu kooperieren, wurde ein Workshop durchgeführt. Dem Referenten von den Rheinischen Kliniken gelang es, psychische Erkrankung zu enttabuisieren und Ängste und Ressentiments abzubauen.
In den Jahren 2006 und 2007 wurden ca. 100 Menschen mit psychischer Erkrankung im Projekt Funambulus® beraten. 60 von ihnen wurden in eine ehrenamtliche Tätigkeit vermittelt. Auch nach 2007 ist der Anteil der Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen in der FWZ-Beratung hoch geblieben. An dieser Stelle muss betont werden, dass die Grenzen zwischen seelischer Gesundheit und Krankheit sehr fließend und manchmal schwer festzumachen sind. So sind viele Menschen im weitesten Sinne “Opfer” mangelnder Partizipationsmöglichkeiten. Isolation – kein Arbeitsplatz, keine Familie, keine Freunde, kein Vereinsleben etc. – ist hier das vorherrschende Thema.
Die Menschen, die im Rahmen des Projektes Funambulus® vermittelt wurden, äußerten in Reflexionsgesprächen oft ein deutlich spürbares Gefühl von Erfolgserlebnis bis hin zu Rekonvaleszenz, insbesondere die Möglichkeit ein- bis mehrmals wöchentlich eingebunden zu sein, wurden als deutlicher Entlastungseffekt genannt. In Einzelfällen hat freiwilliges Engagement sogar dazu geführt, dass die Freiwilligen sich in der Lage sahen, wieder eine Berufstätigkeit in geringem Umfang aufzunehmen.
Viele der nicht vermittelten Personen sahen es als Erfolg an, erkannt zu haben, dass ein freiwilliges Engagement zurzeit nicht in Frage kommt. Für einen späteren Zeitpunkt lag freiwilliges Engagement aber im Bereich des Möglichen und allein die Kontaktaufnahme zum FWZ und das Clearing-Gespräch verbuchten diese Personen als positiv.
Projekte sind unter anderen dadurch gekennzeichnet, dass sie einen Anfang und ein Ende haben. Langfristig war es das Ziel der Mitarbeiterinnen im FWZ, das Projekt in die allgemeine diversity-sensible Freiwilligenberatung zu integrieren und Menschen mit einer psychischen Erkrankung nicht mehr gesondert im Rahmen eines Projektes zu beraten. Schließlich erfolgt die Beratung im FWZ grundsätzlich individuell auf Grundlage der Wünsche und Bedürfnisse der Interessierten. Und dabei ist die psychische Erkrankung ein Merkmal unter vielen anderen (wie Alter, Geschlecht, kultureller Hintergrund, Religion, sexuelle Orientierung, Berufstätigkeit/Arbeitslosigkeit, finanzielle Situation, familiäre Situation …).
Im FWZ ist es gelungen, das Projekt Funambulus® in die allgemeine Beratung zu integrieren. Immer noch kommen Menschen, weil sie vom Projekt Funambulus® gehört haben und sich in diesem Rahmen beraten lassen wollen. Sie sind dann froh zu hören, dass es langjährige und gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit den verschiedenen Einrichtungen gibt.